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Es gibt kein Beschäftigungswunder

Arbeitsmarkt: Ökonomen halten den Optimismus des Bundeswirtschaftsministers für übertrieben. Weder ist das Beschäftigungsvolumen gestiegen noch werden die Arbeitnehmer deutlich mehr Geld für den privaten Verbrauch übrig haben.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 28. 1. 11, has

Rainer Brüderle spart nicht mit Superlativen, wenn es um die wirtschaftliche Lage geht. Erst sprach er von einem XL-Aufschwung, dann von einem XXL-Aufschwung, jetzt sieht er Deutschland auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Auch in der Wirtschaft ist der Optimismus ungebrochen. Der Ifo-Konjunkturindex liegt aktuell sogar über dem Niveau des Jahres 2007.

»Der wirtschaftliche Aufschwung ist insbesondere ein Beschäftigungsaufschwung«, heißt es im aktuellen Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung. Die Regierung beruft sich dabei auf die sinkende Arbeitslosigkeit und die steigende Erwerbstätigkeit. So waren im vergangenen Jahr 40,5 Mio. Frauen und Männer in Deutschland erwerbstätig, in diesem Jahr sollen es sogar 40,8 Mio. sein.

Bei so viel Euphorie finden Mahner nur schwer Gehör. Aber es gibt sie, auch unter Ökonomen, die der Bundesregierung nahestehen. »Wer jetzt von Boom redet, der verkennt die Situation«, sagt Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Dieses Institut berät auch die Regierung.

Das Beschäftigungswunder ist in Wahrheit keines, sagt der Ökonom Kooths. Entscheidend sei nicht die Zahl der Arbeitsplätze, sondern das Arbeitsvolumen, also die Zahl der pro Jahr geleisteten Arbeitsstunden. Und die liegt in Deutschland aktuell auf dem Niveau des Jahres 2000 und der Mitte der 90er-Jahre. Seinerzeit waren es rund 57,6 Mrd. Stunden. Kooths: »Damals hat niemand das deutsche Jobwunder ausgerufen.« Die Ursache für die steigende Erwerbstätigkeit seien mehr Teilzeitarbeit und Mini-Jobs. Die Bruttolöhne je Arbeitnehmer sollen, so der Jahreswirtschaftsbericht, in diesem Jahr um 2,1 % steigen, die Inflation soll bei 1,8 % liegen. Real würden dann die Löhne um 0,3 Prozentpunkte zulegen. Dennoch geht Brüderle davon aus, dass der Konsum um 1,6 % wachsen wird.

Die Hoffnung, dass der private Verbrauch tatsächlich in dieser Größenordnung zunehmen wird, während die Reallöhne nur minimal steigen, lasse sich damit erklären, dass Brüderle offenbar mit einer ordentlichen Erhöhung der Unternehmensgewinne rechne, sagte der Ökonom Heiner Flassbeck, Direktor der Welthandelsorganisation UNCTAD in Genf. Von diesen Gewinnen fließe auch ein Teil in den privaten Konsum. Vom Wachstum profitiere der Großteil der Beschäftigen nicht.

Anders als Brüderle geht Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, nicht davon aus, dass die Löhne steigen werden. In einem Interview mit Spiegel Online prognostiziert er jetzt, dass die Löhne »tendenziell« geringer ausfallen würden. Weise: »Langfristig wird es sogar mehr Menschen geben, die einen Zusatzjob oder staatliche Zuschüsse brauchen.«

Diese Lohnzuschüsse aus Steuermitteln belaufen sich seit 2005 auf rund 50 Mrd. €, sagt der Verteilungsforscher Claus Schäfer vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut. Damit wurden die Einkommen von Niedriglöhnern auf das Niveau von Hartz IV aufgestockt.

Die Entwicklung bei den Löhnen und auf dem Arbeitsmarkt – Teilzeit und Minijobs – spiegelt sich in der Lohnquote, die den Anteil der Löhne am Volkseinkommen misst. Seit 1991 ist sie netto, nach Abzug von Steuern und Abgaben, von 48 % auf gut 39 % gesunken. Im gleichen Zeitraum ist die Netto-Gewinnquote von knapp 30 % auf 34 % gestiegen, wie Schäfer ermittelt hat. H. STEIGER/rtr


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