Seit Mitte der siebziger Jahre nimmt in vielen entwickelten Industriestaaten der Welt die Zahl der Erwerbslosen zu. Im Westen Deutschlands waren zuletzt vor 25 Jahren - im Jahr 1980 - weniger als eine Million Menschen ohne Arbeit. 1981 wurde hier die Zahl von einer Million und bereits 1983 von zwei Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt überschritten.1
Im wiedervereinigten Deutschland erreichte 1993 die Zahl der Erwerbslosen erstmals die Grenze von drei und im Jahr 1997 von vier Millionen.2
Im Januar 2005 waren in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen ohne Arbeit.3
Während die Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 25 Jahren kontinuierlich steigt, setzen Politiker und Wirtschaftsforscher darauf, diese vor allem durch Maßnahmen zu verringern, die das Wirtschaftswachstum fördern. Als Folge eines Wirtschaftswachstums von mehr als zwei Prozent soll ein Abbau der Arbeitslosigkeit erreichbar sein. Regelmäßig werden neue, wachstumsorientierte Thesen und Programme verkündet, nach denen eine spürbare Senkung der Arbeitslosigkeit möglich sein soll. Im Jahr 1996 war von einer Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 die Rede (Kanzlerrunde mit Wirtschaft und Gewerkschaftern am 23. Januar 1996, »Bündnis für Arbeit«). Am Ende des Jahres 2004 wollte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement den Deutschen eine Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2010 glaubhaft machen4. Immer wieder ist von wachstumsorientierten Theorien und Programmen zu hören, die sogar Vollbeschäftigung versprechen, »längerfristig« z. B. die Agenda 20105.
Auffallend an den optimistischen Prognosen ist, dass sie immer von der jeweils regierenden Partei gemacht werden und der Vohersagezeitpunkt immer weiter in die Zukunft gelegt wird.
Noch bis vor Kurzem prognostizierten Wirtschaftsweise, Wirtschaftsforschungsinstitute und Regierung bis zum Beginn eines jeden Jahres ein für den Abbau von Arbeitslosigkeit notwendiges Wirtschaftswachstum von mehr als zwei Prozent. Diese Prognosen wurden regelmäßig im Verlaufe des Jahres revidiert, zunächst von den Wirtschaftsforschern, dann von der Bundesregierung. Erreicht wurden sie selten.6 Erstmals im Jahr 2005 hat die Bundesregierung das Wirtschaftswachstum eines nächsten Jahres (2006) von Anfang an mit weniger als zwei Prozent prognostiziert.7
Seit Jahrhunderten entwickelt der Mensch seine Produktionsmittel und erreicht dadurch, dass mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft für das Leben notwendige Güter zur Verfügung stehen. Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die regelmäßige, wöchentliche Arbeitszeit in Deutschland 80 Stunden.8 Heute beträgt diese weniger als 40 Stunden, bei höheren Urlaubsansprüchen. Eine Halbierung der Arbeitszeit in den letzten einhundert Jahren. Einhundert Jahre, in der Menschheitsgeschichte: ein Wimpernschlag. Die Reduzierung menschlicher, insbesondere schwerer körperlicher Arbeitskraft durch Verbesserung von Produktionsmitteln und -methoden wird im Allgemeinen als Fortschritt angesehen. Die Zeitabstände, in denen Produktionsmethoden revolutionäre Veränderungen erfuhren, wurden immer kleiner. Entwicklungssprünge wurden immer größer. Möglicherweise werden Rationalisierungseffekte in Zukunft nicht mit dem gleichen Tempo wie in der jüngsten Vergangenheit zunehmen. Aber sie werden zunehmen. Auch in Zukunft wird sich die Menschheit weiterentwickeln, wird wissenschaftlicher Fortschritt dazu führen, dass im Produktions- und auch im Dienstleistungsbereich immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird.
Um heute und in Zukunft Vollbeschäftigung, also die Teilhabe aller Menschen am Erwerbsleben zu erreichen, muss der Anteil jedes Einzelnen in dem gleichen Maße reduziert werden, in dem die insgesamt benötigte menschliche Arbeitskraft abnimmt.
In Deutschland ist jeder zehnte Erwerbsfähige ohne Arbeit. Neun von zehn Erwerbsfähigen haben Arbeit. Um jeden Erwerbsfähigen am Arbeitsleben teilhaben zu lassen, müssten die heute Erwerbstätigen ihre Arbeitszeit um zehn Prozent reduzieren.
Bei einer allgemeinen Arbeitszeitreduzierung von zehn Prozent müssten die heute Erwerbstätigen keineswegs auf zehn Prozent ihres Einkommens verzichten. Finanziell müssen sie nämlich schon heute teilen. Bei der gegenwärtigen »Arbeitsteilung« kommen die Erwerbstätigen mit Ihren Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung, einem Teil ihrer Steuern und Unterhaltsleistungen für Angehörige für die Sicherung des Lebensbedarfes der Nichterwerbstätigen auf. Bei Vollbeschäftigung entfiele vollständig der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung. Auch die sonstigen Kosten von Arbeitslosigkeit entfielen weitgehend: Beitragsausfälle in den anderen Sozialversicherungszweigen, finanzielle Schäden durch Kriminalität und Kosten bei physischer und psychischer Erkrankung als Folge von Überarbeitung und Arbeitslosigkeit.
Wie paradox: Die, die Arbeit haben, schuften bis zum Umfallen; Stress, Überstunden, bezahlt und unbezahlt, Ärztemangel, Pflegenotstand und Burn out Syndrom. Die, die keine Arbeit haben, leiden unter dem Nichtstun. Arbeitslose müssen den Verlust des Arbeitsplatzes sowie den damit einhergehenden Verlust an gesellschaftlicher Anerkennung und Selbstachtung verkraften. Arbeitsplatzbesitzer müssen bei schlechten Nachrichten über die Firma um ihren Arbeitsplatz bangen und halten ihr Geld fest. Haus bauen? Beim Wiedersehen alter Freunde zögern Menschen mit der Frage: Was machst du jetzt? Eltern sorgen sich, ob ihre Kinder einen Ausbildungsplatz finden. Kinder schämen sich, wenn sie nach der Tätigkeit Ihrer Eltern gefragt werden.
Eine Schande, wenn unverschuldete Arbeitslosigkeit Menschen wie Waren in Güteklassen trennt: jung, alt, alleinerziehend, behindert, ...
Welch eine Bereicherung für alle, wie menschlich wäre Vollbeschäftigung!
35 Millionen Arbeitsplatzbesitzer in Deutschland werden nicht freiwillig Ihre Arbeit mit fünf Millionen Arbeitslosen teilen. In großen Teilen von Wirtschaft und Verwaltung wird dieser Weg allerdings schon beschritten. Tarifverträge zur Beschäftigungssicherung beinhalten oft eine allgemeine Reduzierung der Arbeitszeit aller Beschäftigten eines Betriebes, um die Entlassung eines Teils der Beschäftigten zu vermeiden. Dies geschieht jedoch nur in Bereichen, die von Personalreduzierungen betroffen sind. Es sind nur diese kleinen Solidargemeinschaften eines Betriebes, die Arbeit teilen.
Um die Arbeitszeit jedes Erwerbstätigen so zu reduzieren, dass jeder am Erwerbsleben teilhaben kann, könnte im Arbeits- und Dienstrecht die durchschnittliche, wöchentliche Arbeitszeit auf 35 Stunden und ggf. auch weniger begrenzt werden. Gemeinschaften, deren Mitglieder sich gegenseitig Unterhalt leisten (z. B. Eheleute), könnten dabei die Möglichkeit erhalten, ihren Arbeitszeitanteil einander zu übertragen. Betriebe, welche in der Vergangenheit die Arbeitszeit der Beschäftigten zur Beschäftigungssicherung bereits reduziert haben, müssten keine weitere Änderung vornehmen, sofern das Maß der tariflich oder betrieblich vereinbarten Arbeitszeit schon der gesetzlichen Begrenzung entspricht.
Wahrscheinlich schreckt die Vorstellung einer gesetzlichen Höchstarbeitszeit zur Erreichung von Vollbeschäftigung heute noch viele Menschen ab. Parlamentarische Mehrheiten für ein entsprechendes Gesetz würden vermutlich nicht zustande kommen. Ich bin mir aber sicher, dass sich dies ändern wird. Vielleicht fällt die Abwägung zwischen dem Recht des Einzelnen auf freie Berufsausübung und dem Recht eines jeden Menschen auf ein Leben in Würde bei sechs Millionen Arbeitslosen anders aus, hoffentlich nicht erst bei sieben, acht oder neun.
Bei zu hoher Luftverschmutzung (Smogalarm) müssen alle Autofahrer ihr Auto so lange stehen lassen, bis alle wieder saubere Luft zum Atmen habe. Würde unsere Umwelt wie der Arbeitsmarkt geteilt, dürfte ein Teil der Autofahrer (ältere, jüngere, behinderte, alleinstehende, ...?) gar nicht fahren und andere immer.
Ich bin davon überzeugt, eines Tages werden Menschen Erwerbsmöglichkeiten teilen wie alle anderen Grundlagen des Lebens auch. In Zukunft werden alle Arbeitnehmer weniger arbeiten, damit niemand von Almosen leben muss, damit jeder die Möglichkeit hat, seinen Lebensunterhalt durch eigene Erwerbsarbeit zu verdienen und ein Leben in Würde zu führen.
| 1 | Bundesagentur für Arbeit, Statistische Detailangaben: Arbeitslose [Archivierte Fassung] |
| 2 | Bundesagentur für Arbeit, Statistische Detailangaben: Arbeitslose [Archivierte Fassung] |
| 3 | Presseinformation der Bundesagentur für Arbeit vom 2. Februar 2005: Die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Januar 2005 [Archivierte Fassung] |
| 4 | Interview mit Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement: Halbierung der Arbeitslosigkeit bis 2010 möglich [Archivierte Fassung] |
| 5 | Bundesregierung, 14. September 2004: Reformen schaffen Arbeitsplätze [Archivierte Fassung], Agenda 2010 [Archivierte Fassung] |
| 6 | Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung vom 18. Juli 2002 [Archivierte Fassung] |
| 7 | Pressemitteilung des BMWA: Die Frühjahrsprojektion der Bundesregierung, vom 29. April 2005 [Archivierte Fassung] |
| 8 | Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Sonderdruck 12/1979, Christoph Deutschmann, Gisela Dybowski-Johannson: Wirtschaftliche und soziale Determinanten der Arbeitszeitpolitik [Archivierte Fassung] |
© Olaf Nensel. Erstellt: 2005-05-08, Letzte Änderung: 2005-08-18 18:47:57